Versicherungsfall

NMZ-Cluster 11/2015

Das nächste Jahr wird für Nephrologen, Neogräzisten, Neurolinguisten und ähnliche Berufsgruppen schwer. Die einschlägigen Tagungen oder Preisverleihungen werden häufig ohne den obligatorischen Musikbeitrag – den allseits beliebten „festlichen Rahmen“ – auskommen müssen: Die Einführung der „Muggen-Solidar-Versicherung“ (MSV), die in diesen Tagen ihren Hauptsitz im Duisburger Innenhafen bezieht, ermöglicht das Verschwinden von Kunst als Dekoration. Applaus!

Der Versicherungsfall, so eine Pressemitteilung der dpa, tritt unverzüglich ein, sobald ein „verdächtiger Auftraggeber“ (darunter fallen unter anderen die oben Genannten) die „Musikanten“ mit branchenüblichen Beleidigungen begrüßt. Dazu zählen die Klassiker („was machen sie tagsüber“ und „davon kann man leben?“ bis „ich bin ja ganz unmusikalisch“ etc.) sowie perfidere Absonderungen, etwa Berichte über den neulich „sehr genossenen“ Musicalbesuch. Die Versicherung deckt sodann das vereinbarte Muggen-Honorar via Blitzüberweisung und zahlt außerdem dem „MSV-Gold-Card“-Inhaber das Taxi zur nächsten Kneipe. Bei der – gerade in naturwissenschaftlichen Kreisen – neuerdings immer wieder gehörten Ansage „wir wollten mal was Experimentelles“ entfällt zudem die Einkommenssteuer für den Versicherungsnehmer. Versicherungspflichtig sind alle Musiker. Ausgenommen sind wegen des erhöhten Muggen-Aufkommens lediglich Trompeter in der Adventszeit. Über etwaige Härtefälle entscheiden die sogenannten „MUufis“. (=muggen-unfähige Doktoranden).

Nano

NMZ-Cluster, 10/2015

Noch bevor sich die komplette Neue-Musik-Karawane zum alljährlichen Brigach-Neckar-Spree-Ruhr-Festival-Grand-Slam aufmacht und die Weltpresse ihr Augenmerk nur mehr darauf richten wird, ist der Saison-Höhepunkt womöglich schon längst vorüber. Jawoll: Ein neues Festival hat das trübe Licht des Essener-Nordens – wo man eigentlich, wie mein Opa immer sagte, nicht tot überm Zaun hängen will – erblickt: „Nano“ heißt es – und das hier ist eine Hommage.

Ich hätte es nicht mehr für möglich gehalten, dass dort, wo ich seit gefühlten 815 Jahren lebe, überhaupt noch etwas geht. Und dann das, ein Wochenende voller Merkwürdigkeiten: Komponierte Kammermusik trifft auf Impro-Bands, Solo-Performances in einem bestuhlten Heizungskeller treffen auf Laptop-Zeugs im leerstehenden Dings an der Ecke und wahrlich schrecklicher Video-Trash trifft auf feinst gesponnene Musiktheaterfäden. Und dies alles – welch weitsichtige Wohltat: Ohne Motto! Da kann man sogar alleine denken! Mag sein, dass der ein oder andere wohlgesonnene Kulturförderscheff weniger an einem inter-pluri-poly-trans-ästhetisch-aktuellem-Kunstdiskurs interessiert ist, als vielmehr daran, jenes unansehnliche Viertel mit so etwas wie Leben zu füllen. Und gerade dies war mein Lieblingsschnippchen, das hier geschlagen wurde: Es wurde einfach gemacht, ganz ohne Sozialromantik-Genöle. Im Anfang war die Tat! Das sagte schon ein berühmter westfälischer Dichterfürst und der irrte bekanntlich nie. Wenn das so weiter geht, wird Nano bald Mega. Glück auf!