Franz!

NMZ Cluster (6/2015)

Während einer Aufführung von Brahms’ Requiem in Takt 304 entschied ich mich fürs Musikstudium. Der Dirigent war mein Musiklehrer. Franz hieß er und war ein fleischgewordenes Weihnachtsoratorium. Er dirigierte, sang, schwitzte, kämpfte und liebte was er tat. Ohne ihn hätte ich BWL studiert und würde nun, was natürlich noch kommen kann, Korkenzieher in Wanne-Eickel verkaufen.

Bedenkt man den potentiellen Begeisterungs-Multiplikationsfaktor eines Musiklehrers, muss man zur Einsicht gelangen, dass Schulmusik das wichtigste Fach überhaupt ist.

100 Prozent sämtlicher Schulmusiker sind, egal wo, fabelhaft. Allerdings gibt es Ausnahmen. Ich bin ungerecht und Schuld ist irgendjemand zwischen Zeitgeist und Bologna: Ob Schütz oder Schranz, Glinka oder Glitch – zentrales Anliegen von Schulmusikstudierenden ist, klarer Fall, der Schein. Mit ihm lösen sich Begeisterungs- Protest- oder andere Stürme sukzessive in Feenstaub auf. („Ist nicht so mein Geschmack!“ hörte ich neulich und rieb mir die Ohren. Was wenn Mediziner sagten, sie hätten gerade nicht so Lust aufs Nähen?) Au Backe, denke ich da, klingt übel nach bildungsspießigem Abendlanduntergeh-Laber-Rhabarber.

So wollte ich nicht werden. Ich drehe es also um und fordere die Wiedereinführung der gutgelaunten Anarcho-Uni: Ach, wie zauberhaft wär’s, gäbe es keine Scheine, keine Unterschriften! Ob jemand „noch sehr gut“ oder „voll gut“ in irgendwas ist, das geht mir komplett am Modulhandbuch vorbei. Wichtig ist, dass wir Leute ausbilden, die irgendwann zum Franz werden.

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