Frischfleisch

NMZ-Cluster (7/2015)

Der 35ste Geburtstag liegt längst hinter mir. Damit ist es für viele Wettbewerbe und Stipendien zu spät, hurra! Ist auch albern, diese Grufti-Förderung. Turbo-Abi, kein Zivildienst, bisschen Bachelor und Internet, einmal Ferienkurs: Wer sich mit 26 oder 27 noch nicht auf dem Markt platziert hat, der ist halt nicht pfiffig genug.

Pech für die 36-jährige Komponistin mit den beiden Karriereretardierern (vulgo Kinder), die auf zweitem Bildungsweg (Eltern waren leider keine Professoren oder Lehrer) mit dem Komponieren  angefangen hat. Was fällt ihr das auch erst jetzt ein?

Angenommen, ein Wettbewerb soll ein Mechanismus sein um Künstler zu fördern, die noch im Verborgenen wirken. Was soll da diese Frischfleischgier? Gibt es keine pfiffigeren Ausschlussmöglichkeiten? Teilnehmen dürfen etwa keine Beamten, keine ordentlichen GEMA-Mitglieder und nur Komponisten ohne facebook-Account. Oder man bekommt pro Kind zwei Jahre nach der Altersdeadline gutgeschrieben.

Aber warum nur diese unkünstlerische Hektik? Überhaupt. So von wegen Familie, da komme ich ja gerne mal in Fahrt: Wie bitte soll die (übrigens ganz sicher nicht fiktive!) viel zu alte Komponistin ohne Kinderbetreuung auf Festivals eigentlich ihre Projekte verkaufen? „Halt mal kurz den Kleinen, lieber Juror. Ne, das ist keine graphische Notation, das ist Möhrchen, von gestern.“ Avantgarde ist nun mal kein Ponyhof, hör ich es flüstern. Abwarten Jungs, bis der Storch bei Euch vorbeidüst, flüs­tere ich zurück

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Franz!

NMZ Cluster (6/2015)

Während einer Aufführung von Brahms’ Requiem in Takt 304 entschied ich mich fürs Musikstudium. Der Dirigent war mein Musiklehrer. Franz hieß er und war ein fleischgewordenes Weihnachtsoratorium. Er dirigierte, sang, schwitzte, kämpfte und liebte was er tat. Ohne ihn hätte ich BWL studiert und würde nun, was natürlich noch kommen kann, Korkenzieher in Wanne-Eickel verkaufen.

Bedenkt man den potentiellen Begeisterungs-Multiplikationsfaktor eines Musiklehrers, muss man zur Einsicht gelangen, dass Schulmusik das wichtigste Fach überhaupt ist.

100 Prozent sämtlicher Schulmusiker sind, egal wo, fabelhaft. Allerdings gibt es Ausnahmen. Ich bin ungerecht und Schuld ist irgendjemand zwischen Zeitgeist und Bologna: Ob Schütz oder Schranz, Glinka oder Glitch – zentrales Anliegen von Schulmusikstudierenden ist, klarer Fall, der Schein. Mit ihm lösen sich Begeisterungs- Protest- oder andere Stürme sukzessive in Feenstaub auf. („Ist nicht so mein Geschmack!“ hörte ich neulich und rieb mir die Ohren. Was wenn Mediziner sagten, sie hätten gerade nicht so Lust aufs Nähen?) Au Backe, denke ich da, klingt übel nach bildungsspießigem Abendlanduntergeh-Laber-Rhabarber.

So wollte ich nicht werden. Ich drehe es also um und fordere die Wiedereinführung der gutgelaunten Anarcho-Uni: Ach, wie zauberhaft wär’s, gäbe es keine Scheine, keine Unterschriften! Ob jemand „noch sehr gut“ oder „voll gut“ in irgendwas ist, das geht mir komplett am Modulhandbuch vorbei. Wichtig ist, dass wir Leute ausbilden, die irgendwann zum Franz werden.