Block-H

NMZ-Cluster 2015/05

Meine Lieblingsmomente in Maybrit Illners Talkshow sind jene, in denen öffentlich-rechtlicher Ungehorsam herrscht. Zuweilen übersieht die Regie unflätig reagierendes Publikum, das gähnt, popelt, blödelt oder nicht klatscht, während die Politprofis und Experten ihre Stanzen absödern. Wunderbar! In nächtlich-schlaflosen Internet-Sitzungen achte ich neuerdings mit Begeisterung auf das Publikum in klassischen Konzerten. Mein bevorzugtes Untersuchungsobjekt ist der Block H der Berliner Philharmonie.

Dort, wo das Publikum vis-a-vis mit den Dirigenten ist, spielen sich ebenso wunderbare Szenen ab: Ein junge Dame, die beim Mahler’schen Hammerschlag fast vom Stuhl fällt, ein kurzhosiger Herr, dessen Begeisterung geradezu aus dem Monitor quillt, ein rundlicher Rattle-Fan, der während eines tösenden Finales wild gestikulierend irgendetwas zeigen will. Der Block-H lässt mich mit dabei sein, er ist meine Aura-Prothese. Ob dort Profis sitzen oder Touris, ob Liebhaber, junge oder alte Leute: Ich bin der festen Überzeugung, dass sie sich im Moment des Hammerschlags irrsinnig freuen.

Nun halte man mich ruhig für einen sentimentalen Deppen, aber: da freue ich mit, da geht das Herz mir auf. Folglich ist alles ganz einfach: Wo immer neue Konzerthäuser gebaut werden – Akustik, schön und gut – doch man bedenke den Block H! Ohne Block H wird es womöglich in 20 Jahren schwer mit der Bevölkerung von Philharmonien. Mit einem obligatorischem Block H ist das Überleben gewiss, er sei darob gepriesen!

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Vita brevis

NMZ-Cluster 2015/04

Mein Rostocker Partiturspiellehrer hieß Burkhard Meier. Er hatte einst bei Günter Kochan studiert, einem Meisterschüler Hanns Eislers, der ja bekanntlich bei Arnold Schönberg studierte. Drückt man ein Auge zu, war Schönberg so etwas wie ein Schüler Alexander Zemlinskys, dieser von Robert Fuchs und Fuchs von Anton Bruckner, Bruckner von Simon Sechter und Sechter von Antonio Salieri! Ich bin also Ur-hoch-x-Enkel-Schüler von Antonio Salieri, was sowohl meinen Drang zur Oper als auch die Giftvorräte im Keller erklärt. Ha, welch ein Augenblick!
Heute ist wieder Eigennasenanfass­tag. Vita brevis! Bitteschön. Das ist nur eine Marginalie, aber wenn die Künstlerbio-Genealogien manchmal länger sind als die Einleitung zum Matthäus-Evangelium, dann überfällt mich noch im Konzert ein ausgiebiger Sekundenschlaf. Und dieses Meister-Schüler-Ding, das ist doch eher was für Jedi-Ritter – oder? Also: Wir haben nur 300 Zeichen, sagen wir doch was Nettes oder was Interessantes, etwas, das man nicht mit dem iPhone schnell noch googeln kann. Was ist denn mit Hobbys, welchen GEMA-Status hast du? So etwas in der Richtung. Insbesondere auf Formulierungen wie „entscheidende Anregungen erhielt ich von …“ wird zukünftig verzichtet. Ich hab’ Sciarrino oder Lachenmann auch mal beim Unterrichten zugeguckt und so weiter. Also, machen wir was aus unserer Vita! Natürlich bin auch ich schuldig. Ich gelobe Besserung: „Kampe ist Musiker und sein Tarte tatin ist legendär.“ Mal sehen, ob das durchkommt.

Fünf Gebote

NMZ-Cluster 2015/03

Handschlag drauf und es läuft! Das wär’s! Ist leider etwas aus der Mode gekommen … Immerhin gilt: „Verträge müssen eingehalten werden!“ Allerdings müssen sie zunächst mal geschlossen werden. Unvorstellbar, dass so eine Plattitüde oft gar nicht so platt ist. Mir scheint es, dass das in unserer Musikwelt, wo sich immer alle duzen, sich Küsschen geben und von einem total spannenden zum anderen total spannenden Projekt hüpfen, gar nicht (mehr?) selbstverständlich ist. In den allermeisten Fällen klappt es tadellos! Meistens reicht aber nicht. – Wir lieben unseren Beruf und wir (wir, damit meine ich: wir!) beuten uns zuweilen selbst aus, wir jammern nicht und machen nicht den Kunst-Märtyrer. Aber, eine Bitte an Förderfürsten und Entscheidungskings: Macht Verträge. Musiker können sich nicht einen Monat freihalten für ein total spannendes Projekt, das dann kurzfristig wegen XY entfällt und Komponisten stellen nicht for fun Orchestermaterial etcetera her. Und überhaupt: Wie peinlich ist es, dem verdienten Honorar hinterherjagen zu müssen? Kommt vor, darf aber nicht.

Darüber spricht man nicht? Doch!

Nehmet also hin die fünf Gebote, die Kampe jüngst empfangen und in ein Word-Dokument geritzt hat (DrK. 1, 1–5):

  • 1. Du sollst einen Auftrag erteilen,
  • 2. Du sollst einen Vertrag verfassen,
  • 3. Du sollst 50 Prozent anzahlen,
  • 4. Du sollst, nach pünktlicher Ablieferung des beauftragten Meisterwerks beziehungsweise astreiner 1a-Performance, die restlichen 50 Prozent überweisen,
  • 5. Du sollst dich nicht aufspielen, es ist in aller Regel nicht dein Geld.

Wupperstrand

Es steht ein Komponist am Wupperstrand

NMZ-Cluster 2015/02

„Es gibt doch noch gute Nachrichten aus Wuppertal!“, dachte ich mir, als ich die Pressemitteilung im „Bergischen Merkur“ las. Nachdem man dort das feste Ensemble losgeworden war und sich mittlerweile ja auch der Generalmusikdirektor in Auflösung befindet, will man das drohende Vakuum positiv nutzen und die Institution schnell wieder mit Leben und mit Kunst füllen. Anstatt sich also allgemeiner Verödung hinzugeben, wird ein Experimental-Ensemble eingestellt: Sänger, Performer, Videoleute, Elektrofrickler, Schauspieler, Tänzer und so weiter und so Fortschritt.

Wahnsinn: Man wird während der Proben an dem einen Projekt nicht schon Anträge für das übernächste Projekt stellen müssen! Man wird sich auf die Arbeit konzentrieren können, wo hat es so etwas zuletzt gegeben? Man will also ernsthaft ein Theater umkrempeln, die guten Ideen – einige davon etwa von Heiner Goebbels (der leider aus Zeitgründen einen angetragenen Posten im Beirat absagen musste) – in Angriff nehmen, allerdings ohne (selbst-)ausbeuterische Projektitis? „Ich ziehe sofort um und nutze den Standortvorteil für irgendwas!“, dachte ich weiter.

Doch da klingelte der Wecker. Aus und vorbei, aus und vorbei. War nur ein Traum. Und beim Rasieren sang ich wieder und wieder die alte Weise: „Es steht ein Komponist am Wupperstrand, hält Wache für sein Theaterland, in dunkler Nacht allein und fern, es leuchtet ihm kein Mond, kein Stern. Regungslos die Kommune schweigt, eine Träne ihm ins Auge steigt.“

Trüffelblick

Trüffelblick
NMZ-Cluster 2014/11

Ich polierte gerade meinen Markenkern, da musste ich an Trüffelschweine denken. Hat ein Schwein Trüffeln gefunden, kommt der Bauer und verkantet einen Maiskolben im Schweinemaul, auf dass die edlen Gewächse nicht gefressen werden: Eine vollkommen frustrierte Sau ist die zwingende Folge.

Komponisten sind wie Trüffelschweine, dauernd auf der Suche nach einem eigenen, unverwechselbaren, originellen Original-Trüffel, den man, je nach Saison und Marktlage, dann getrost in Reihe schalten kann. Vorne will man sein, originell muss man sein: Das ist unser Trüffelmantra, unser romantisches Originalitätstrauma. (Letzteres führt garantiert irgendwann dazu, dass wir gummierte Schweineimitate aufblasen und darauf Musik machen.) Kaum denke ich bei mir: „Heute bin ich vorn!“ – und schaue auf Facebook, da war schon wieder einer schneller und alle Trüffeln futsch. Und wenn ich schon mal vorne bin, es naturgemäß niemand bemerkt, wie peinlich wäre das Beharren darauf – so wie einst Hauers Kloppe für Schönberg.

Lauthals „Erster!“ rufen oder – noch schlimmer – „Meins!“, das geht gar nicht. Das ist der Maiskolben im Maul des Komponisten. Ergo: Maiskolben weg und dann sorglos und kopfüber ab in den Matsch. Denn es ist der Sau doch auch schnurzquiekegal, ob der Trüffel vorne oder seitlich oder sonstwo vergraben ist, Hauptsache: Trüffel. Und so machen wir das ab jetzt auch. Wer den Trüffelblick hat, der gräbt seinen Turm erdwärts. Das Zeitalter des maiskolbenlosen Tartufismus wird kommen und es wird gut sein.

Talkshow

Neulich war ich zu einer Talkshow eingeladen. Überall Mikros, Kulturfunk und schlaue Leute. Ging um Kunst, Musike und so im digitalen Zeitalter. Wie das Netz etwa die Kunst verändert und umgekehrt.

Und weil die Eingangsfrage einfach so herrlich bis erratisch war, erkläre ich sie hiermit zu einem Gedicht. Gedichte muss man ja auch nicht verstehen.

Journalist so zu mir: „Aber das Leben ist anders – oder? Also mir wird bei meinem Computer erklärt, mein Flash-Player ist veraltet, ich muss ihn updaten – ich verstehe zwar nicht, warum das alle zwei Wochen passiert, dann muss ich Nutzungsbedingungen akzeptieren, die ich eh nicht lese, aber ich brauche beispielsweise beim Software-Update, brauche ich nicht das Programm für die Uhr oder für ein Gesundheitsprogramm oder was auch immer mir auch angeboten wird. Also, ich habe doch auch eigentlich gar keine Souveränität über die Nutzung meiner technischen Artefakte, weil mir irgendwelche Unternehmen, wo auch immer sie sitzen vorschreiben, wenn Du das machen willst, musst Du das akzeptieren. Ich weiß eigentlich gar nicht, was im Hintergrund alles passiert und was damit verbunden ist.“

Ich so zum Journalisten: „?“