Musik aus Langeweile. Hommage an AngelKiss1030.

In 0, 43 Sekunden findet Google unter den Stichwörtern „Musik und Langeweile“ knapp 716.000 Treffer. Der Suchalgorithmus hat hier ganze Arbeit geleistet, denn schon der erste Treffer kann schlicht als Volltreffer bezeichnet werden: Google verweist auf ein YouTube-Video mit dem Titel: „Musik aus Langeweile“ des erratischen Users AngelKiss1030.

AngelKiss1030 hat, so schreibt sie oder er, aus Langeweile einen Song komponiert und wirbt dafür, das Erstlingswerk – da aus Langeweile geboren – nicht allzu streng zu kommentieren: „Bitte nicht böse Urteilen dieses Lied mahte ich aus langeweile und war men erster anlauf überhaupt sowas zu machen 🙂.“

Vielleicht ist diese an konkrete Poesie gemahnende Video-Unterschrift allerdings auch ein erster Hinweis, dass AngelKiss1030 ein hintersinniges Spiel mit dem Hörer (resp. Klicker) treibt? Der Song hat keinen eigentlichen Titel, vielmehr beschreibt der Titel bereits die Situation und die Stimmung des Autors, in dem der Song entstand. Oder beschreibt der angebliche Titel womöglich viel weniger den Gemütszustand, als dass er vielmehr mit dem Titel zugleich auch Informationen über das verwendete Material preiszugeben versucht? Also nicht Musik aus Langeweile, sondern Musik aus Langeweile. Dem Moment des Erklingens ist die kritische Distanzierung am Erklingenden somit gleichermaßen eingeschrieben, sollte der Begriff der Langeweile für den Autor negativ konnotiert sein. Noch bevor nur eine Sekunde der Musik verklungen ist, ist es folglich wegen des offensichtlichen Spiels mit Uneindeutigkeiten möglich, das „Werk“ – und natürlich steht durch die vage Betitelung auch der Werkbegriff selbst erneut auf dem Prüfstand – als Beitrag der Auseinandersetzung mit postmodernen Strategien zu verorten.

Der Rezipient wird durch den Titel geimpft und doch wird die Erwartungshaltung recht schnell getäuscht, da das etwas über zwei Minuten dauernde Werk keinesfalls langweilig ist: Bereits innerhalb der ersten 30 Sekunden zeigt es einige Auffälligkeiten, die das Ohr positiv zu irritieren vermögen. Im folgenden sollen daher einige paradigmatische Beispiele zu Verdeutlichung herangezogen werden: AngelKiss1030 ist ganz offensichtlich inspiriert vom Euro-Dance der frühen neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts: „Rhythm is a dancer“ etwa – wer erinnert sich nicht an jenen Hit des Grauens aus dem Hause „Snap!“ – scheint hier Pate gestanden zu haben.

Zudem scheint AngelKiss1030 noch ein begleitendes Rave-Readymade aus mittlerer Love-Parade-Ära auf seine stilistische Tragfähigkeit in der Gegenwart überprüfen zu wollen. Zuweilen ist in der Musik nicht nur das Abschaffen von Formeln, Regeln und Gesetzen interessant, sondern gerade auch das Abarbeiten an bestimmten ästhetischen Prämissen innerhalb eines bestimmten Form- Material- bzw. Klangkanons.

Unter diesem Aspekt wagt AngelKiss1030 zum einen nicht nur eine verhältnismäßig auffällige Form: Refrain, Bridge, Intro oder Outro, all dies scheint am „falschen Ort“ zu sein und kümmert sich wenig darum, wie ein handelsüblicher, „richtiger“ Song aufgebaut sein sollte. Bemerkenswert ist zum anderen auch die veränderte Vokalfilterstellung bei Sekunde 28: Dort tritt die Gesangsstimme ganz plötzlich in den Hintergrund des musikalischen Geschehens, wodurch die Textaussage „There’s a fire burning“ zunächst offensichtlich konterkariert zu werden scheint. Gerade auf den zweiten Blick wirkt diese Filtereinstellung jedoch überaus sinnfällig, geht es doch nicht allein um die Verständlichkeit des Textes, sondern insbesondere um den nun immer mehr raumgreifenden Beat, der zweifellos jenes brennende Feuer darstellen soll. Durch das kompositorisch recht einfache Mittel einer „Filtereinstellungsverrückung“ semantisiert AngelKiss1030 einerseits den verwendeten Loop.

Andererseits findet subkutan auch eine Desemantisierung statt, denn da der ausgewählte Loop aus einer Loop-Library zu entstammen scheint, wird die dort qua Titel prädefinierte Loop-Bezeichnung durch die neu-Semantisierung gewissermaßen formatiert. Möglicherweise entstammt der Loop aus einer im Internet frei erhältlichen Loop-Datenbank. Dafür sprechen gewisse klangliche und stilistische Überschneidungen, etwa zum Loop „Melody130BPM“ der Datenbank

www.free-loops.com.

Sollte der Loop allerdings nicht aus einer frei erhältlichen Loop-Datenbank stammen, sondern aus einer kommerziellen Loopfabrik, so kann die semantische Formatierung womöglich auch als kapitalismuskritischer Akt gelesen werden, indem die Massenware durch die Umformatierung des Loop-Namens individualisiert wird. Für den kritischen Impetus von AngelKiss1030 spricht zudem, dass es im Text gerade an dieser Stelle „There’s a fire burning“ heißt, was unter diesem Aspekt zweifellos auf Prometheus und somit auf das implizierte aufklärerische Moment der „Musik aus Langeweile“ deutet. Dass just hier auch das kinetische Moment der Musik zunimmt, nimmt schließlich nicht mehr wunder, da AngelKiss1030 einen Widerspruch zwischen der Bewegung des Geistes und der damit einhergehenden Bewegung des Körpers ganz offensichtlich nicht zulässt. Schließlich sei auch darauf hingewiesen, dass sich das Spiel mit Uneindeutigkeiten auch in der harmonischen Disposition wiederfindet. Bemerkenswert ist aus dieser Perspektive die stilistisch eher unübliche chromatische Rückung in der Gesangsstimme in Sekunde 20: Eine Analyse-Graphik zeigt deutlich, dass der Bassverlauf zwar um C als einem harmonischen Zentrum disponiert ist. Allerdings findet sich die Terz des C-Dur-Dreiklangs erst in der mittleren Lage der Begleitung, wodurch das (in der Graphik rot unterlegte) überdeutlich markierte Portamento der Gesangsstimme vom e- zum es akustisch besonders ins Gewicht fällt und so für kurze Zeit einen harmonisch unbestimmten Schwebezustand zwischen Dur- und Moll nach sich zieht, der sich durch die zuvor nur kurz gestreiften Rahmentöne d und f beinahe zu einem horizontal aufgefächertem Klein-Cluster verdichtet.

Analyse

Die hier lediglich kursorischen Ausführungen zur „Musik aus Langeweile“ haben versucht darzulegen, dass selbst eine Musik die langweilig heißt oder womöglich gänzlich aus Langeweile besteht, längst nicht langweilig sein muss. Dies wird eindrucksvoll auch durch die Rezeption des mittlerweile 893 mal angeklickten Videos belegt. Während User DJVolumeVirus trotz der positiven Gesamtstimmung eine gewisse Skepsis nicht verbergen kann: „naja eben aus langewile aber ist gut mach weiter!!!!“, scheint User neo0nymus überaus euphorisiert von AngelKiss1030: „Mach weiter das hört sich geil an!“

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3 Gedanken zu “Musik aus Langeweile. Hommage an AngelKiss1030.

  1. super!!!

    Ich möchte nur noch einen Aspekt beisteuern, der dem Autor womöglich entgangen ist: Eine dritte Möglichkeit, den Titel zu interpretieren, wäre prozessual: „Langeweile“ als Ausgangszustand, aus dem heraus sich etwas anderes, Nicht-Langweiliges, entwickelt – so ähnlich wie Beethoven aus dem dadadadaaaa eine ganzen Symphonie herauszieht.

    Freilich subvertiert die konkret akustisch-wahrnehmbare Gestalt dieses Musikstücks diese Deutung völlig, als der Prozess um 180 Grad verdreht zu verlaufen scheint: Die als „langweilig“ zu beschreibenden Abschnitte finden sich eher gegen Ende, während der Anfang erstaunlich reichhaltig, um nicht zu sagen: kurzweilig ist. Damit thematisiert die Arbeit von AngelKiss nicht nur die grundsätzlichen Fragen unserer Zeitwahrnehmung sowie der Beziehung von Subjekt und Objekt, sondern sie führt uns mit subtiler Ironie vor Augen, dass eine Formensprache nach traditionellem (und das heißt immer auch: Beethovenschem) Muster im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich ist.

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