Dortmund-Nord und die regionalen Schafe

Ich bin ein Heiner Goebbels-Fan. Ich habe einen Haufen CDs, Bücher – ich finde die Arbeitsweise grandios, ich mag die Musik, die Bildersprache, die Theateridee. Bewunderte vorhin im Museum Folkwang noch die enorme Eloquenz. Ich habe mich sehr gefreut vor ein paar Jahren, als er hier, in „meinem“ Revier, Intendant der Ruhrtriennale wurde. Und ich habe phantastische Dinge gesehen: Die Partch-Geschichte letztes Jahr, die Installationen, Stifters-Dinge, die Idee mit der Abwesenheit…

Danke dafür!

Gestern sah ich Andriessens „De Materie“. Grandiose Bilder. Die Zelte, der surrende Zeppelin, das blitzblanke Ensemble Modern mit mächtig Wumms und Schnedderedeng, herrlich! Ein wundervoller zweiter Akt… Und dann kamen die Schafe! 100 regionale Schafe. Von hinten rechts tappsten sie auf die Bühne. Ein wahrlich traumhaftes Bild. Das muss man gesehen haben. Und musikalisch waren sie auch noch und blökten zart in die Pausen hinein. Ein Theaterfest!

https://www.ruhrtriennale.de/de/programm/produktionen/louis-andriessen-de-materie/

Und heute, so gegen 9.30h, fahre ich dann zur Arbeit, zu meiner Orgelbank in Herne, im tiefsten Pott. Ich fahre immer durch Altenessen. Dort ist es außerordentlich hässlich und der vielbeschworene „Strukturwandel“ ist so gar nicht angekommen. Es gibt natürlich noch schlimmere Stadtteile: Dortmund-Nord etwa, auch in Duisburg, nur ein paar Meter von den Schafen entfernt, da will man, wie man hier politisch vollkommen unkorrekt so sagt, „nicht tot überm Zaun hängen.“ Hausaufgabe für Theaterfreunde: Mal ein Ticket fürs Gelsenkirchener-Theater kaufen und vom Hauptbahnhof zu Fuß! zum Theater laufen. Das ist Ruhrpott für Fortgeschrittene… In Berlin ist hässlich ja, so glaube ich jedenfalls immer als dummer Touri, irgendwie cool. Hier ist scheiße halt scheiße. Und irgendwie hätte ich in der Intendanz von Goebbels gehofft, dass das Ruhrgebiet zum Thema wird. Nicht nur so „Wow, voll die Metropole… Alle haben sich ganz lieb und sind voll direkt und so… Und das Bier ist top und Wurst erst! Schaaaaalkeeee!“

War er nicht mal Mitglied im „Sogenannten linksradikalen Blasorchester“? Müsste da nicht ganz Dortmund-Nord ein Thema sein, wie auch immer? Und die Industrie-Ruinen in ihrer historischen/politischen Bedeutung? Es sind mittlerweile hippe Event-Locations, in denen die „Ruhris“ (der Scheff-Strukturwandler Scheytt nennt die Leute hier so…) maximal Tickets oder Programmhefte an Leute aus Düsseldorf verkaufen. Müsste die Ruhrtriennale nicht nur hier stattfinden, sondern auch hier handeln? 

Und – das ist natürlich naiv und polemisch: Während der großen Party trocknen meine (heißgeliebten!) Stadttheater in der Region aus. Nichts gegen Leuchttürme! Aber wenn sie die Steppe beleuchten, ist das doch alles Kappes.

Ich hätte mir, bei aller hemmungslosen Freude über so viel tolles Theater, mehr erwartet: Weniger. (Immerhin fährt ja jetzt nicht in jeder Produktion das Orchester mehr durch die Gegend… Wenn der Regissuer nicht weiter weiß, kommt’s Orchester aufs Verschiebegleis.)

Und auf den Feldman demnächst freue ich mich natürlich trotzdem wie Hulle.

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