Liebe Jury, liebes Kulturamt…

Über Wettbewerbe wurde schon viel berichtet, sich geärgert. Ist ja auch wirklich ein garstiges Feld. Neulich machte ein junger Kollege via Facebook darauf aufmerksam, dass der Kompositionswettbewerb der Puchheimer-Taschenoper endlich entschieden ist! Yeah! Ich hatte die Ausschreibung damals auch gelesen. Und eigentlich müsste man das ignorieren – allein, ich kann das nicht.

Den Gewinnern, das meine ich ironiefrei: alles Gute, viel Erfolg!

Meines Erachtens ist diese elende Ausschreiberei aber häufig so ätzend, dass ich mir vorgenommen habe, voll ätzend und unsympathisch zu reagieren. Vermutlich wissen die Leute nicht einmal, dass sie sich ätzend verhalten.

Daher schrieb ich, als ich die Ausschreibung sah, diese Mail hier an den verantwortlichen Kulturscheff – von dem ich leider keine Antwort bekam.

Sehr geehrter Herr xx,
die Ausschreibung Ihres Kompositionswettbewerbes ist – in fast allen Punkten – überaus erstaunlich
und wird unter den ersten Plätzen meiner Kuriositätenliste verewigt werden.
1. Anlässlich des Gedenkjahres „Kriegsgefangenenlager“ schreiben sie die Harmonik vor (tonal). Will ja auch schön klingen alles. Passt sicher gut zum Krieg. Bisschen schief darf es sein. Immerhin.
2. Dennoch geben sie an, es sei kein Stil vorgegeben. Stimmt nicht. Ist vorgegeben. S.o.
3. Es wird überall deutlich, dass die Librettistin ganz sicher die Ausschreibung geschrieben hat, stimmt’s?
4. Libretto darf nicht gekürzt oder verändert werden. Unter dieser Prämisse hätte es übrigens niemals eine Zauberflöte gegeben.
5. Midi-Einsendungen zu verlangen ist peinlich. Es offenbart, dass keine Profis in der Jury sitzen, die Partituren lesen können.
6. Sie veröffentlichen nicht die Namen der Jury. Ich gehe davon aus, dass die Librettistin das alleine macht? (Immerhin nimmt sie die Noten ja auch an.)
7. Preisgeld: 1000.- Und alle weiteren Aufführungen kosten nix. Große Oper: So etwas nennt man Ausbeutung. Und es wird Leute geben, die es trotzdem machen. Sie sollten wissen, dass sie den gewinnenden Komponisten schlechter bezahlen als eine Klofrau.
8. Das Preisgeld nennt man im echten Leben Fahrtkosten.
9. Zweite Preisträger bekommen nicht einmal ein Hotel. D.h.: Der Sieger legt drauf!
10. Die Librettistin ist aus der Gegend, stimmt’s? Schon der erste Reim: Mädchen und Städtchen ist außerhalb des PLZ-Bereiches 8 falsch. OK. Hat Goethe auch gemacht.
Warum ich Ihnen schreibe und die Ausschreibung nicht einfach ignoriere?
Weil ich sehe, dass Sie Kulturamtsleiter sind und mir nicht vorstellen kann, dass Sie qua Amt diese intrikate Form der Ausbeutung gutheißen können. (Eher vermute ich, dass es keine Erfahrung im Bereich von Ausschreibungen gibt.)
Ihr Argument ist: Na, Hauptsache es wird überhaupt was aufgeführt. Kann man doch froh sein. Eben nicht: Vergleichen sie das mit einem anderen Beruf. Kann man doch froh sein, wenn man da essen geht. Soll ich das im „Dorfkrug“ auch noch bezahlen? Der Schreiner will Geld? Verrückt!
Ihr Wettbewerb offenbart unter dem Deckmäntelchen der Förderung, wie wenig Ihnen (nicht Ihnen persönlich natürlich – ich meine Ihre Funktion/Amt/Politik/Gesellschaft) Kunst wert ist. Sind Sie doch bitte lieber ehrlich und lassen Sie’s sein oder spenden die 1500.- Preisgeld einem guten Zweck.
Meine Prognose: Die Lokalpresse wird 1x darüber berichten. Die Librettistin wird den Artikel auf ihrer Website veröffentlichen, womit das Projekt erledigt sein wird.

Mit freundlichen Grüßen

 

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