Peymann, Piraten, Politik.

Dass ich dieses Blog mit einem Beitrag über den Theatermacher Claus Peymann und der Piratin Marina Weisband eröffne, finde ich zwar recht merkwürdig – passt mir aber ganz gut. Hier möchte ich hin und wieder versuchen laut nachzudenken, mir dabei vielleicht auch selbst widersprechen: So tauchte in dem sehr lebendigen, zuweilen skurrilen Gespräch zwischen Peymann und Weisband ein Gedanke auf, von dem ich noch nicht genau weiß, was ich von ihm halten soll, der mich aber berührt hat: In Neue-Musik-Zusammenhängen wird dem klassischen Musikbetrieb häufig (und meist völlig zu Recht, keine Frage!) entgegengehalten, dass es sich dort um reine Kulinarik und um rituelle Handlungen einer Art „Ersatzreligion“ handele. (Religion und Ritual – das ist in Intellektuellen-Kreisen natürlich ohnehin schon Pfuibäh. Das ist klar und hat ja auch gute Gründe.) Nun lief dieses Video und ich hörte nur nebenbei zu, als Peymann sehr eindringlich von der entscheidenden Stelle in Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ erzählte, dort wo sich zeigt, wer die echte Mutter des Kindes ist. In diesem Zusammenhang sagt Peymann: „Das Theater erzeugt Feste. Das Theater erzeugt Erlebnisse. Um es mal kühn zu sagen: Das Theater ist ja auch eine Art Religion […]“ und interpretiert Grusches vermeintlichen Verzicht so: „Das ist die Stelle der Wandlung, an der die Zuschauer alle so sind wie Grusche. Sie sind so gut, sie sind verwandelt. Die größten Arschlöcher verwandeln sich für diesen Augenblick in gute Menschen.“ (Ca. ab Min. 50)

Ich frage mich: Kann man diesen Gedanken für mein Metier, die Musik, fruchtbar machen? Im Moment – und erst heute sind wieder zwei Neue-Musik-Fachzeitschriften im Briefkasten, in denen das Wort gefühlte 4711 mal auftaucht – ist das Nachdenken über das „Politische“ wieder en vogue. Das ist gut so! Obwohl politisches Engagement eigentlich Bürgerpflicht ist und sich im Alltag und nicht nur auf Festivals zeigen muss, wird es leider häufig wie eine Monstranz als Marke vor sich her getragen, als sei es etwas Besonderes.

Häufig wird politisch irgendwie aufgeladenes Material aus dem Netz geladen und dann höchst unterschiedlich verarbeitet und auf einem der einschlägigen Festivals präsentiert. Ist das Stück dort ein Erfolg, sind Folgeaufträge garantiert. (Manchmal zeigt das Material echtes Blut, von echten toten Menschen. Total politisch, wenn man die Glückwünsche der Intendanten danach in Empfang nimmt. Bekommt das „Material“ eigentlich was von den Lachshäppchen ab?)

Viele dieser konkretes Material verwendenden Stücke berühren mich in ihrer Konkretheit sehr viel weniger, als jener an der Idee der Verwandlung festgemachte Gedanke Peymanns. Vielleicht auch, weil das Herunterladen vom Sofa so schön bequem ist, aber das Formulieren der Utopie von einem guten Menschen so fürchterlich viel Arbeit macht.

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2 Gedanken zu “Peymann, Piraten, Politik.

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